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Teil I: Krise und Imperialismus
1. Wie friedlich ist der Kapitalismus?"Der herrschende Kapitalismus, wie er in Europa, den Vereinigten Staaten und anderen englischsprachigen und pazifischen Staaten existiert, ist ein im Grundsatz friedliches System." Dieser Satz aus einem bekannten Buch des amerikanischen Ökonomen John Kenneth Galbraith1 weckt Optimismus. Seine Friedfertigkeit bezieht der Kapitalismus nach Galbraith aus der ihm eigenen Zweckrationalität, die sich aus seiner Ökonomie ergibt: In vor-und frühkapitalistischen Gesellschaften führte die "Gier nach Land" häufig zu Kriegen. In dem Maße, wie es darauf ankam, eine qualitätsvolle Industrieproduktion zu organisieren, und wie es heute darum gehe, weltumspannende Daten und Finanzströme zu steuern, habe diese alte Ursache von Kriegen an Gewicht verloren. Territorialer Besitz sei unwichtiger geworden, und das Ende der alten Kolonialregime nach dem zweiten Weltkrieg zeuge davon. Es fällt auf, daß Galbraith nur den entwickelten, reichsten Industriestaaten (Europa, USA und pazifische Staaten wie Japan) sein Attest der Friedfertigkeit ausstellt. Die "reichen Länder" lebten "eigentlich alle in Frieden miteinander. Die armen, die nichts zu verlieren haben, nicht."2 Den Grund für die Friedfertigkeit der reichen und die Kriegsanfälligkeit der armen Staaten sieht Galbraith vor allem darin, daß die Feudalklassen mit ihrer "Gier nach Land" in großen Teilen Afrikas und Asiens immer noch herrschen. In den reichen Ländern ergebe sich die Politik aus der wirtschaftlichen und der damit verbundenen kulturellen Leistung. Galbraith steht nicht allein mit seinem Urteil. Kriege drohen, so die öffentliche Meinung, von Diktatoren wie Saddam Hussein oder durch islamisch-fundamentalistische Fanatiker, nicht aber von den zivilisierten Ländern der westlichen Demokratien. Kriege werden als Resultat politischer Faktoren erklärt, nicht als Ausdruck wirtschaftlicher Interessen. Nun waren es aber gerade die "zivilisierten" Staaten, die im 20. Jahrhundert die größten, grausamsten und zahlreichsten Kriege geführt haben. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 beherrschten England, Frankreich, Holland, Belgien, Spanien, Portugal, Italien, die USA, Japan und Rußland Afrika, Asien und große Teile Mittelund Südamerikas in Form von Kolonialreichen, die sie nur mit Hilfe militärischer Gewalt hatten unterwerfen können. Aber auch nach dem Zusammenbruch der alten Kolonialreiche nach 1945, der selbst ein blutiger Prozeß antikolonialer Befreiungskriege war, führten die entwickelten Industriestaaten zahlreiche Kriege und bewaffnete Interventionen durch. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Friedens-und Konfliktforschung aus dem Jahr 1982 fanden zwischen 1945 bis 1982 insgesamt 148 Kriege und bewaffnete Konflikte statt. An 59 dieser Kriege waren die USA, Großbritannien und Frankreich unmittelbar mit eigenen Truppen beteiligt. Der längste und blutigste Krieg, der Vietnamkrieg (1964-75), endete mit einer Niederlage der USA. Dies verschaffte den Völkern der Dritten Welt eine Verschnaufpause von sieben Jahren, in denen sich die USA nicht an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligten. Zwischen 1983 und 1999 führten allein die USA zwölf weitere Kriege oder Militäraktionen durch (Grenada 1983, Libyen 1986, Libanon 1986, Iran 1988, Panama 1990, Irak 1991, Haiti 1994, Somalia 1994, Bosnien 1995/96, Sudan und Afghanistan 1998, Irak 1998, Jugoslawien 1999). In keinem Fall waren die USA von einem dieser Staaten angegriffen worden. Französische Truppen waren zwischen 1945 und 1982 an 15 Kriegen beteiligt, britische an 18 Kriegen. In die meisten übrigen Kriege waren die Großmächte und ehemaligen Kolonialmächte indirekt verwickelt, indem sie eine der kriegführenden Parteien mit Waffen, Geld und Militärberatern ausrüsteten. Beispielhaft hierfür ist der Bürgerkrieg in Angola (1975-heute). Die USA (und das rassistische Südafrika) rüsteten über zwei Jahrzehnte die als antikommunistisch auftretende UNITA-Bewegung Savimbis auf und schürten so einen der längsten und blutigsten Kriege der letzten zwanzig Jahre. Viele Kriege in den ehemaligen Kolonien gehen auf die Politik der Kolonialmächte zurück. So ist der Bürgerkrieg zwischen Hutus und Tutsis in Ruanda eine Folge von Stammesrivalitäten, die unter der französischen Kolonialherrschaft geschürt worden waren. Die Tatsachen sprechen nicht für die Annahme vom friedlichen Charakter des entwickelten, westlichen Kapitalismus. Richtig an Galbraiths Thesen ist, daß der Reichtum der feudalen Klassen des Mittelalters auf dem Besitz von Land und dazugehörigen leibeigenen Bauern beruhte und daß Landnahme durch Krieg ein zentrales Mittel der Bereicherung der Feudalklassen war. Je mehr sich der Kapitalismus entfaltete und zur vorherrschenden Produktionsweise wurde, desto weniger konnte die feudale Gier nach Land noch Kriege erklären. Bei genauerem Hinsehen herrscht aber die kapitalistische Produktionsweise heute in allen Staaten der Welt, eine feudale herrschende Klasse gibt es nirgends mehr. Selbst in den ärmsten Staaten Afrikas liegt die Macht bei einer städtischen Klasse von reichen Kapitalisten oder Bürokraten. Zugleich ist die Welt nicht friedlicher geworden, neben alte regionale Konfliktherde sind auf dem Balkan und im Gebiet der ehemaligen UdSSR neue getreten. Die weltweite Wirtschaftskrise vom Beginn der neunziger Jahre hat die weltweite Nachfrage nach Rüstungsgütern zwar gedämpft, zugleich aber, wie der Golfkrieg von 1991 und der Tschetschenienkrieg von 1994-96 zeigen, die Neigung der waffentechnisch überlegenen Großmächte gestärkt, ihre militärische Überlegenheit für die Durchsetzung von wirtschaftlichen Interessen zu nutzen. Ist diese katastrophale Entwicklung, für die die französischen, chinesischen, pakistanischen und indischen Atombombenversuche ein Symbol geworden sind, zufällig, beruht sie auf "Fehlern" der Kapitalisten oder Regierungen, die ebensogut vermieden werden könnten? Oder wirkt sich hier eine Gesetzmäßigkeit des Kapitalismus aus? "Landgier" einer Feudalklasse kann den Krieg auf dem Balkan 1991-95 oder den Golfkrieg von 1991 jedenfalls nicht erklären, denn weder im ehemaligen Jugoslawien noch in den USA oder im Irak gibt es heute noch eine herrschende Feudalklasse. So müssen wir uns fragen, ob es nicht doch "kapitalistische" Kriege gibt und welcher Art das Zusammenspiel von Ökonomie und Politik, von multinationalen Konzernen3 und dem Nationalstaat sowie dessen Militärmacht im entwickelten Kapitalismus ist.
2. Der Kapitalismus -ein explosives KrisensystemDer Kapitalismus unterscheidet sich von allen vorkapitalistischen Wirtschaftsweisen im Ziel der Produktion. Nicht die Befriedigung von Bedürfnissen der herrschenden Klassen (und der unterdrückten Klassen, soweit die niedrige Produktivität der Arbeit noch etwas übrigließ), sondern das Erzielen von Profit ist der Motor der Wirtschaft. Nur solange die Kapitalisten einen genügend hohen Profit machen, werden sie die Produktion fortsetzen. Die Konkurrenz mit anderen Kapitalisten zwingt sie, "bei Strafe ihres Untergangs" (Marx) zu akkumulieren und aus Kapital immer mehr Kapital zu machen. Deshalb ist der Kapitalismus ein dynamisches System, das nie stillstehen kann, das beständig seine Produktion und damit auch das Leben der Menschen, die darin arbeiten, umwälzen muß. Karl Marx beschrieb diese Dynamik so: "Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren... Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus."1 Irrationalität des MarktesWenn Marx einerseits die Dynamik des Kapitalismus durchaus anerkannt hat, so sieht er doch zugleich, daß dieser Dynamik untrennbar eine zerstörerische, unmenschliche Irrationalität innewohnt. Denn die Produktion konkurrierender Firmen wird nur durch den Markt koordiniert. Kein Kapitalist kann seine Produktion fortsetzen, wenn er seine Waren nicht verkaufen kann. Aber seine Absatzchancen hängen von den Ausgaben anderer Kapitalisten ab, sei es für Luxusgüter für den eigenen Konsum oder für Investitionsgüter für die eigenen Firmen, sei es für die Löhne ihrer Arbeiter (die diese dann wiederum für ihren Unterhalt ausgeben). Aber auch die anderen Kapitalisten können nur das ausgeben, was sie zuvor durch den Verkauf ihrer Waren eingenommen haben. Produktion für den Markt bedeutet, daß alles von allem abhängig ist. Wenn die Kette von Kauf und Verkauf irgendwo stockt, kann das ganze System zum Stillstand kommen. Dann bricht eine Krise aus. Die Geschichte des industriellen Kapitalismus ist eine Geschichte von immer wiederkehrenden Aufschwüngen und Krisen. Die Wirtschaft bewegt sich zwar, aber nicht kontinuierlich, sondern sprunghaft mit Unterbrechungen und Rückschlägen. Allein in den letzten 25 Jahren haben die Weltwirtschaft und die westdeutsche Wirtschaft drei Rezessionen erlebt. (Und 1999 befinden sich wieder bereits 40 % der Welt in einer Rezession.) Jede dieser Krisen hat die Arbeitslosigkeit in Deutschland ansteigen lassen, auf 1 Million 1975, 2 Millionen 1981 und auf 3,5 Millionen 1993. Armut und Obdachlosigkeit wachsen zugleich. Solche periodischen Krisen sind, wie Karl Marx schon vor 150 Jahren wissenschaftlich nachgewiesen hat, ins System der freien Marktwirtschaft eingebaut. Die meisten bürgerlichen Ökonomen gingen und gehen von einem Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage aus und ignorieren die Krisen. Einige, wie der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter in den dreißiger Jahren, reden von der Krise als einer Phase "kreativer Zerstörung". Danach bilden Krisen nur die Übergänge zu einer neuen wirtschaftlichen Ordnung des Kapitalismus, zu einem neuen Gleichgewicht. Im wirklichen Leben bedeutet "kreative Zerstörung" Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Hunger und Verelendung von Millionen Menschen, trotz wachsenden gesellschaftlichen Reichtums. Es steht in einem krassen Gegensatz zu den Illusionen, die offiziell von den Vordenkern der freien Marktwirtschaft verbreitet werden und die nicht müde werden zu versprechen, daß man nur den Kräften des Marktes rückhaltlos vertrauen müsse, damit sich Wohlstand für alle bald einstellen werde. Dies wurde den Menschen im früheren Ostblock gepredigt, als die staatskapitalistische Wirtschaftsweise in den achtziger Jahren in eine tiefe Krise geraten war. Die gleiche Botschaft wurde vom Internationalen Währungsfonds (IWF) an 60 bis 70 Länder der Dritten Welt gerichtet. Unter dem Druck des IWF führten diese Länder "strukturelle Anpassungsprogramme" mit dem Ziel durch, diese Staaten den Kräften des Marktes uneingeschränkt zu unterwerfen. Weder in den Ländern des ehemaligen Ostblocks noch in denen der Dritten Welt stellte sich jedoch ein wirtschaftliches Gleichgewicht ein. Eine weitgehende Zerstörung von Produktivkräften war vielmehr die Folge. Der osteuropäische Wirtschaftsraum wurde von der tiefsten Wirtschaftskrise seiner Geschichte erschüttert, zwanzig bis vierzig Prozent der Industrieanlagen wurden in wenigen Jahren stillgelegt, ein Ende des Niedergangs ist nicht abzusehen. Die Einführung der freien Marktwirtschaft werde, so versprach es Kohl der DDRBevölkerung im Wahlkampf 1990, ein ähnliches Wirtschaftswunder ("blühende Landschaften") bringen, wie es Westdeutschland in den fünfziger und sechziger Jahren erlebt hatte. Ein halbes Jahrzehnt danach sind über achtzig Prozent der Industrieproduktion der ehemaligen DDR ersatzlos stillgelegt, der ostdeutsche Absatzmarkt wird weitgehend von westlichen Firmen bedient, die tatsächliche Arbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent. In den Ländern Afrikas bedeuteten die Anpassungsprogramme massive Kürzungen des Lebensstandards der Menschen und Hungertod für Millionen, obwohl der Kontinent 20 Jahre zuvor bereits genügend Lebensmittel für seine Bewohner produziert hatte. Fall der ProfitrateDas periodische Wechselspiel von Krise -Aufschwung -Krise läßt sich für das 19. Jahrhundert durchgehend nachweisen. Zu Marx’ Zeiten dauerte ein Zyklus etwa 10 Jahre. Allerdings nahmen die Krisen an Schärfe und Dauer zu und die Aufschwünge wurde flacher und kürzer. Nach 1873 geriet der Kapitalismus in eine länger anhaltende Stagnationskrise, die als "große Depression" bezeichnet wird und die bis ins letzte Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts reichte. Wie konnte es zu dieser Verschärfung der kapitalistischen Krise kommen? Marx fand eine Erklärung im von ihm so genannten "Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate", das der kapitalistischen Wirtschaft anhafte. Jeder Kapitalist liegt in ständiger Konkurrenz mit anderen Kapitalisten. Die einzige Chance zu überleben sieht er darin, ständig neue Maschinen und Produktionstechniken einzuführen, die "tote" oder "geronnene" Arbeit darstellen. Jeder Kapitalist muß so viel arbeitssparende Investitionen tätigen wie nur möglich. Und so wachsen die Investitionen schneller als das Heer der Arbeitskräfte. Das Wertverhältnis zwischen Investitionen und Arbeitslöhnen (das Marx die "organische Zusammensetzung des Kapitals" nannte) tendiert dazu, zu wachsen. Für den einzelnen Kapitalisten ist das kein Problem. Jedes einzelne Unternehmen wird versuchen, seine arbeitssparenden Investitionen schneller einzuführen als die Konkurrenz, um so billiger als diese zu produzieren und sie aus dem Markt zu verdrängen. Darin sieht es auch den sichersten Weg, seinen Profit zu erhöhen. Aber für den Kapitalismus als Gesamtsystem kann es sehr wohl zum Problem werden. Denn wenn jede einzelne Firma arbeitssparende Investitionen einführt, wird das Verhältnis zwischen Investitionen und Arbeitslöhnen im Gesamtsystem größer. Weil aber der Profit nicht aus den Maschinen kommt, die nur den Wert wieder abgeben können, der in ihnen steckt, sondern aus der lebendigen Arbeit, bedeutet die Verdrängung der Arbeit zugleich ein allmähliches Versiegen der Quelle des Profits: Investitionen steigen schneller als Profite. Wenn das so ist, dann muß die Profitrate ("Gewinne auf eingesetztes Kapital") fallen. Was gut für den Einzelkapitalisten ist, ist schlecht für das Gesamtsystem. Die Einzelkapitalisten (und mit ihnen die bürgerlichen Ökonomen) sehen das natürlich anders. Marx ging allerdings davon aus, daß die Profitrate nur langfristig ("tendenziell") fällt und daß es eine Reihe entgegenwirkender Faktoren gibt, die den Fall aufhalten, verlangsamen oder sogar zeitweise umkehren können. Eine Möglichkeit des Entgegenwirkens besteht für den Kapitalisten darin, die Ausbeutungsrate (Anteil der unbezahlten Arbeit) zu erhöhen, indem er die Arbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich verlängert, oder durch Leistungslöhne und ähnliches die Arbeit intensiviert, das heißt in der gleichen Zeit mehr Leistung aus seinen Arbeitern herausholt. Einen anderen entgegenwirkenden Faktor sah Marx im Außenhandel der Industriestaaten mit den vorkapitalistischen Ländern seiner Zeit in Asien und Afrika. Die Kapitalisten konnten den Reichtum dieser Gesellschaften weit unter Wert zusammenraffen -entweder durch Raub oder durch ungleichen Tauschhandel (zum Beispiel von Glasperlen gegen Gold) und so ihre eigenen Profite erhöhen. Einen dritten entgegenwirkenden Faktor sah er in der Krise selbst. Die periodischen Krisen sind zwar schrecklich für die Arbeiter und treiben viele Kapitalisten in den Ruin. Aber ganz gleich, wie tief die Krise sein mag, es bleiben doch immer einige Kapitalisten übrig, die von ihr sogar profitieren, indem sie die Pleitefirmen schlucken. Sie kaufen die Produktionsmittel weit unter ihrem alten Wert auf, übernehmen die Marktanteile der Pleitefirmen und können so expandieren, ohne die vollen Kosten für die modernen Maschinen und Anlagen bezahlen zu müssen. Das bedeutet, daß die Investitionskosten langsamer steigen als die Zahl der beschäftigten Arbeiter (deren Löhne in der Krise wahrscheinlich noch gesunken sind). So lindert die Krise den Druck auf die Profitraten und schafft so die Bedingungen für einen neuen Aufschwung. Zentralisation des KapitalsDie Krise führt zu einer Umstrukturierung des Kapitalismus, in der viele Firmen pleite machen, den überlebenden aber ermöglichen, ihre Profite auf Kosten anderer zu steigern. So führen Krisen paradoxerweise zu einer Steigerung der Profitraten und einer wirtschaftlichen Erholung. Dies hat viele bürgerliche Ökonomen, aber auch linke Theoretiker dazu geführt, von der Krise als Phase "schöpferischer Zerstörung" zu sprechen. Für das 19. Jahrhundert stimmte dies schon in den Jahren nach 1873 nicht mehr. Auf eine Krise folgte statt eines Aufschwungs eine lange Phase der Stagnation. Ähnlich war es in den dreißiger Jahren, und ähnlich ist es auch in den letzten 25 Jahren, in denen die Aufschwünge flacher und die Rezessionen (1974, 1981, 1991-93) tiefer wurden. Das Problem ist, daß die Krise ihre "bereinigende" Wirkung in dem Maß verliert, wie der Kapitalismus älter wird. "Älter" bedeutet hier, daß - in Marx’ Worten - ein Prozeß der "Konzentration und Zentralisation des Kapitals" stattfindet. Die Zahl der konkurrierenden Firmen nimmt ständig ab, und zugleich nimmt ihre Betriebsgröße zu. Einige wenige große Firmen beherrschen schließlich ganze Industrien und ganze Volkswirtschaften. Wenn eine Riesenfirma wie etwa ein großes, marktbeherrschendes Stahlwerk oder eine Großbank pleite macht, kann das enorme Auswirkungen auf den Rest der Wirtschaft haben. Banken oder Großanleger verlieren dann ihr Geld und werden mit in den Abgrund gezogen. Statt in eine "schöpferische Zerstörung" einiger Firmen droht sich die Krise in ein schwarzes Loch auszuweiten, das produktive und unproduktive Teile der Wirtschaft gleichermaßen verschlingt. Das heißt, daß die bereinigende und für das Kapital insgesamt produktive Wirkung der Krisen nachläßt, je weiter der Konzentrationsgrad der Wirtschaft gediehen ist. Die Gefahr der Pleite eines oder mehrerer Großbetriebe besteht darin, daß dies einen Dominoeffekt, eine Kettenreaktion auslöst. Diesen Effekt der Krise unter monopolähnlichen Strukturen konnte man am deutlichsten in der großen Weltwirtschaftskrise nach 1929 beobachten, als die Pleiten einiger Banken eine nicht enden wollende Spur der Verwüstung hinterließ, die erst durch den Zweiten Weltkrieg beendet wurde. Schon in den Jahren der großen Depression 1873-95 und dann noch einmal in der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre zeigten sich die langfristigen Probleme des Kapitalismus. Aber beide Male fand das System einen Ausweg. Den Jahren der Depression folgte ein langer Aufschwung, der bis knapp vor den ersten Weltkrieg dauerte. Und der langen Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre folgte ein noch längerer "Boom" (1940-74) mit den höchsten Wachstumsraten, die das System überhaupt je erlebt hatte. Am Ende der großen Depression und gegen Ende der Weltwirtschaftskrise entwikkelte der Kapitalismus neue Mechanismen, die der Tendenz zur Verschärfung der Krise durch fallende Profitraten entgegenwirkten. Es ist auch nicht verwunderlich, daß in den langen Aufschwungperioden vor dem Ersten Weltkrieg und dann wieder nach dem Zweiten Weltkrieg Ideen populär waren, die die Marxsche Krisentheorie für veraltet und überholt erklärten. Doch beide Male erwiesen sich die Gegenmaßnahmen als beschränkt, ihre Wirkung ließ nach und die Krisentendenzen stellten sich mit Macht wieder ein.
3. Was ist Imperialismus?Eroberungspolitik, Unterwerfung ganzer Völker mit Waffengewalt, Kolonialpolitik und Imperialismus hat es seit Jahrtausenden gegeben. Das auf Sklaverei beruhende Rom trieb Kolonialpolitik und war imperialistisch. Eroberungskriege und Länderraub hat es auch im Feudalismus des Mittelalters geben, die Gier nach Sklaven war nur durch die Gier nach Land und zugehörigen Bauern ersetzt. Aber es kommt darauf an, die Besonderheit des modernen, kapitalistischen Imperialismus zu begreifen und zu verstehen, worin dieser sich von früheren Formen des Imperialismus unterscheidet. Die zwei Weltkriege des ablaufenden Jahrhunderts und das atomare Wettrüsten, die unübersehbare Tendenz der Menschheit zu einem Rückfall in die Barbarei sind überhaupt nicht zu verstehen und angemessen zu bekämpfen, wenn wir nicht die Besonderheiten des modernen Imperialismus erkennen. Monopolistische KonkurrenzMarxistische Imperialismustheoretiker wie der Österreicher Rudolf Hilferding ("Das Finanzkapital", 1910) oder der Russe Nikolai Bucharin ("Imperialismus und Weltwirtschaft", 1915), sehen im modernen Imperialismus ein bestimmtes Entwicklungsstadium des Kapitalismus. Sie unterscheiden den "jungen" Kapitalismus, in dem die freie Konkurrenz zwischen vielen kleineren und mittleren Kapitalisten herrschte, von dem reifen Kapitalismus, in dem monopolistische Strukturen mit marktbeherrschenden Positionen weniger großer Kapitalisten an die Stelle der freien Konkurrenz der vielen Kapitalisten getreten sind. Die Schwelle zum imperialistischen Stadium war die Stagnation des Kapitalismus zwischen 1873 und 1895. Dieser lag ein allmähliches Absinken der Profitraten in Europa zugrunde. Die periodischen Krisen wirkten dem Fall der Profitrate nur noch bedingt entgegen. Aber sie beschleunigten die Konzentration und Zentralisation des Kapitals hin zu monopolistischen Strukturen (beispielsweise zur Kartellbildung). Ist dieses Stadium der Konzentration erreicht, sind bestimmte Wirtschaftszweige erst einmal in der Hand eines oder weniger Kapitalisten, so findet nun ein qualitativer Umschlag statt. Das Monopol kann sich nur noch ausdehnen, indem es einerseits in andere Wirtschaftszweige innerhalb des Landes dringt, andererseits, indem es über die Grenzen des Landes hinausgreift. Bald entdeckt der Monopolkapitalist, daß außerhalb des Landes wesentlich höhere Profitraten winken, weil dort die Arbeitskräfte, Rohstoffe, Grund und Boden und andere Produktionsmittel extrem viel billiger sind. Zum traditionellen Warenexport kommt nun der Kapitalexport, das Monopol sucht nach neuen Profitquellen außerhalb seines Ursprungslandes. Bucharin schrieb 1915: "Nicht die Unmöglichkeit einer Betätigung innerhalb des Landes also, sondern die Jagd nach einer höheren Profitrate ist die Triebkraft des Weltkapitalismus... Eine niedrigere Profitrate treibt die Waren und Kapitals immer weiter von ihrem »Vaterlande« weg. Aber dieser Prozeß spielt sich gleichzeitig in verschiedenen Teilen der Weltwirtschaft ab. Die Kapitalisten der verschiedenen »nationalen Wirtschaften« stoßen hier als Konkurrenten aufeinander, und je größer das Wachstum der Produktivkräfte des Weltkapitalismus ist, je intensiver die Zunahme des Außenhandels, desto schärfer wird der Konkurrenzkampf."1 Solange sich verschiedene nationale Kapitalisten innerhalb eines Landes gegenüberstanden, blieb es ein "friedlicher" Prozeß. Der Staat wachte darüber, daß die Regeln des Warentausches eingehalten wurden, aber er setzte nicht seine Armee in Bewegung, um diesen oder jenen Kapitalisten zu schützen oder zu begünstigen. Zwar wurden auch in der Epoche der freien Konkurrenz innerhalb des Nationalstaates die kleineren von den größeren Fischen verschlungen, das heißt freie Konkurrenz bedeutete auch hier Verdrängung, Vernichtung von Konkurrenten und Konzentration des Kapitals zu immer wenigeren und größeren Einheiten. Aber erst, wenn der gleiche Prozeß international wird, kommt es auch zum Umschlagen in der Form der Konkurrenz: Die nationalen Konzerne versuchen, sich möglichst große Binnenmärkte zu unterwerfen, die nicht immer mit dem Staatsgebiet identisch sind und die sie durch Schutzzölle nach außen abschirmen. Dies erlaubt es ihnen, hohe Preise weit über dem Warenwerten und Extraprofite zu erzielen, die den Kampf auf den internationalen Märkten zu Dumpingpreisen (unter Wert) ermöglichen. Je größer der Binnenmarkt, desto größer auch die Reserven für einen internationalen Preiskrieg. Die gleiche Rolle wie Schutzzölle spielen staatliche Subventionen, die es den nationalen Konzernen ebenfalls ermöglichen sollen, mit Niedrigpreisen die internationale Konkurrenz zu verdrängen. Es findet also ein Formwechsel der Konkurrenz statt: Der internationale Preiskrieg der nationalen Monopole ist kein rein wirtschaftlicher Kampf mehr, die Nationalstaaten und die Politik werden in diesen Kampf hineingezogen. Es findet eine Verschmelzung von wirtschaftlichen (Preiswettbewerb) und politischen Maßnahmen (Einschalten der Diplomatie, Drohungen mit Wirtschaftssanktionen und sogar mit dem Einsatz militärischer Gewalt) des Konkurrenzkampfes statt. In der äußersten Zuspitzung geht dies bis hin zur zeitweiligen völligen Ersetzung der wirtschaftlichen durch politische Machtmittel, das heißt zum Einsatz militärischer Gewalt im Interesse der nationalen Ökonomie. Dabei kritisiert Bucharin solche Theorien als "vulgär", die den Militarismus und die Aufrüstung als Ursache von Kriegen darstellen: Als Beispiel für eine solche vulgäre Anschauung, daß Aufrüstung zum Krieg führe, nennt Bucharin den führenden Theoretiker der damaligen SPD, Karl Kautsky. Kautsky hatte den Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf die Mobilmachung zurückgeführt. Dies stelle aber, so Bucharin, "die Dinge auf den Kopf." Bucharin betonte dagegen, daß der Ausbruch des Weltkriegs 1914 ohne die ungeheure Verschärfung der ökonomischen Konkurrenz in den Jahren unmittelbar zuvor nicht zu erklären sei: "Aus diesem Grund erleben wir heute (1915, V. M.), in einer Zeit, in der die wirtschaftlichen Konflikte einen Zustand der höchsten Spannungen erreicht haben, auch einen Hexensabbat der Rüstungen."3 Imperialismus ist also in erster Linie ein neues ökonomisches Stadium des reifen Kapitalismus, ist Ausdruck der rücksichtslosesten internationalen Konkurrenz nationaler Monopole oder monopolähnlicher Strukturen. KolonialpolitikZeitlich parallel zur Bildung der ersten nationalen Monopole und Kartelle errichteten die europäischen Mächte, sowie die USA und Japan zielstrebig Weltreiche, weil die Industrie-und Bankkapitalisten glaubten, daß sie so riesige Profite machen könnten. Die Nationalstaaten wurden von den Monopolen und Kartellen in den Prozeß der internationalen Ausdehnung hineingezogen. Die Aufgabe des Nationalstaats bestand vor allem darin, die eigenen Investitionen im Ausland zu schützen, zunächst vor Revolten der einheimischen Bevölkerung, später auch vor Übergriffen rivalisierender imperialistischer Mächte. Der Einsatz militärischer Macht diente dem Ziel der internationalen Ausdehnung des nationalen Kapitals und der internationalen Jagd nach höheren Profitraten. Keiner der entwickelten kapitalistischen Staaten konnte sich diesem Zwang entziehen. Seit den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gingen die "Gebietserwerbungen" in fieberhaftem Tempo vor sich. Die britischen Regierungen erweiterten ihr schon bestehendes Empire. Es umfaßte schließlich etwa ein Drittel der ganzen Welt, darunter halb Afrika, den ganzen indischen Subkontinent und große Teile des Nahen und Mittleren Ostens. Französische Regierungen eigneten sich Indochina an, fast den ganzen Rest Afrikas und bekamen die Oberhand im Libanon (obwohl dieser formell noch unter türkischer Hoheit stand). Die USA nahmen den Spaniern die Philippinen weg, machten die auf dem Papier unabhängigen Staaten Mittelamerikas und Kuba zu ihrem Einflußgebiet. Holland gehörte das heutige Indonesien, Belgien der Kongo (heute Zaire), und Italien unterwarf sich Somalia und Tripolis (heute Libyen). Japan unterwarf 1910 Korea. Deutschland, das später als England und Frankreich den Weg in die kapitalistische Moderne gefunden hatte, erklärte 1884/85 Teile Ostafrikas und Südwestafrikas zu deutschen "Schutzgebieten". Alle Großmächte versuchten, Interessensgebiete in China abzustecken und teilten es untereinander auf, so daß es nur noch formell als unabhängiger Staat weiterexistierte. In Afrika gab es 1914 nur noch einen unabhängigen Staat, Äthiopien, und in Asien wurden außer dem aufgeteilten China nur Afghanistan und Thailand nicht unmittelbar von Europa aus regiert. In den Jahren von 1876 bis 1914 haben die Großmächte etwa 25 Millionen Quadratkilometer Kolonialgebiet erobert, ein Gebiet, das doppelt so groß war wie ganz Europa. Welche enorme Bedeutung der Imperialismus für den langen Aufschwung zwischen 1895 und 1914 hatte, kann man am Mutterland des Kapitalismus, Großbritannien, sehen. Kurz vor der Jahrhundertwende ging etwa die Hälfte aller britischen Unternehmensinvestitionen in überseeische Gebiete. Aber auch in den anderen Industrieländern übernahmen die wirtschaftliche Vorherrschaft Firmen und Banken, deren Geschäfte zunehmend von Kolonialreichen oder ausländischen "Einflußsphären" abhängig waren. In Deutschland waren es Unternehmen wie Siemens (Elektrotechnik), Krupp (Stahl) und die Deutsche Bank, die die Regierungen drängten, die deutsche Vorherrschaft über den Balkan und die Türkei (damals osmanisches Reich) zu errichten und Nordafrika zum deutschen Interessensgebiet zu machen. Wenn ein Drittel oder gar die Hälfte aller Investitionen im Ausland getätigt wurde, so schmälerte dies die für Investitionen im Inland zur Verfügung stehenden Fonds ebenfalls um ein Drittel oder die Hälfte. Deshalb stiegen für eine Zeitlang die Investitionen in den Mutterländern nicht schneller als die Beschäftigung. Das Verhältnis von Investitionen zur Produktion ging in Großbritannien von 2,16 in den Jahren 1875-83 auf 1,82 in den Jahren 1891-1901 zurück. Die Profitraten stiegen, und die Epoche der langen Depression und des Pessimismus wich einer neuen Epoche des Aufschwungs und des Optimismus. Die Arbeitslosigkeit ging zurück, gewerkschaftliche Erfolge im Kampf um Löhne und Arbeitszeitverkürzungen wurden möglich. Aber die Epoche der kapitalistischen Prosperität dauerte nicht lange. Der Imperialismus war nur für zwei Jahrzehnte ein wirksames Gegengewicht zum Fall der Profitrate. Die Möglichkeiten der überseeischen Investitionen waren beschränkt, und die Profite aus dem Kapitalexport begannen verstärkt in die entwickelten Mutterländer zurückzufließen. Zu Beginn des Jahrhunderts führte dies erneut zu einem Kapitalüberfluß. In Großbritannien stieg das Verhältnis von Investitionen zu Arbeitslöhnen wieder an: von 1,92 in den Jahren 1891/92, auf 2,19 in 1908-13 -und war damit höher als gegen Ende der "Großen Depression", die in Großbritannien etwas eher geendet hatte als in Deutschland, nämlich in den frühen 1880er Jahren. Es gab erneute Anzeichen für einen Abwärtstrend der Profitrate und 1913/14 kam es zum Ausbruch einer Krise mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 15 Prozent. Diese Epoche war, trotz zahlreicher internationaler Konflikte, die ab der Jahrhundertwende an Schärfe zunahmen, eine der "friedlichen", ruhigen und allmählichen Expansion in gewaltige Gebiete, die noch nicht endgültig in den kapitalistischen Strudel hineingerissen worden waren. Sie wurde durch den Ersten Weltkrieg beendet. Er war unausweichlich geworden, als die Aufteilung der Welt unter den Großmächten mehr oder weniger abgeschlossen war, Deutschland und andere Spätstarter der industriell-kapitalistischen Entwicklung sich "ungerecht" behandelt sahen und eine Neuaufteilung zu ihren Gunsten zu erzwingen suchten. Die Mächte mit Kolonialreichen versuchten diese weiter zu stärken, indem sie ihre Militärmacht aufbauten. Die ohne Kolonien versuchten auf Kosten und gegen die besitzenden Mächte solche zu erobern. Dies führte schon vor 1914 zu einer Reihe von bewaffneten Zusammenstößen. Hierzu gehören der Krieg zwischen den USA und Spanien um die Philippinen, ein Krieg zwischen Japan und Rußland um die Vorherrschaft in Nordchina und Korea (1904/05), zwei Zusammenstöße zwischen Frankreich und Deutschland über den Einfluß auf Marokko (1906, 1911), ein italienisch-türkischer Krieg um Tripolis (Libyen) und schließlich der Zusammenstoß zwischen ÖsterreichUngarn und Rußland über den Einfluß auf dem Balkan -ein Zusammenstoß, der zunächst einen Krieg auf der Balkanhalbinsel (1912-13) und dann schließlich den Ersten Weltkrieg auslöste. Bürgerliche ImperialismustheorienFührende Theoretiker der deutschen Sozialdemokratie wie Eduard Bernstein und Karl Kautsky bemühten sich indes zu beweisen, daß der reife Kapitalismus auch nichtimperialistisch sein könne, die Militarisierung der Außenpolitik also nicht notwendiges Resultat der monopolistischen Konkurrenz sei. Noch einige Jahre vor Ausbruch des Weltkriegs schrieb Bernstein, daß es "Unsinn" sei anzunehmen, daß die wirtschaftliche Entwicklung der Nationen ihre Feindschaft untereinander verschärfe. Die entwickelten Industrienationen seien untereinander Konkurrenten und Kunden zugleich. Die Welt trete in eine Epoche ein, in der "internationales Recht" vorherrsche. Kautsky stellte während des Krieges eine Theorie des "Ultraimperialismus" auf, die die Überflüssigkeit des Krieges vom Standpunkt des Kapitals beweisen sollte. Er verstand darunter, daß "an Stelle des Kampfes der nationalen Finanzkapitale untereinander die gemeinsame Ausbeutung der Welt durch das international verbündete Finanzkapital" tritt. Er ging zwar davon aus, daß dieser Zustand der Beseitigung der Weltkonkurrenz noch nicht erreicht sei, aber die Bewegung hin zu einem solchen Zustand reichte ihm aus, um die prinzipielle Möglichkeit der Friedfertigkeit des Kapitalismus zu demonstrieren. Die meisten etablierten Historiker erklären auch heute den Ersten Weltkrieg nicht aus ökonomischen, sondern aus politischen Faktoren. Der deutsche Militarismus unter Kaiser Wilhelm II. wird beispielsweise gerne als Resultat eines "deutschen Sonderwegs" in die Moderne erklärt. In Deutschland habe im Gegensatz zu anderen westeuropäischen Staaten die bürgerlich-demokratische Revolution sich nicht vollendet, der feudalistische preußische Militärstaat habe daher im Kaiserreich bis 1918, ja sogar darüber hinaus fortgelebt. Die Theorien vom "deutschen Sonderweg" sind nur eine Variante der oben angeführten "Landgier"-These des amerikanischen Ökonomen Galbraith, der die militaristischen Tendenzen des 20. Jahrhunderts ebenfalls nicht aus der kapitalistischen Ökonomie ableitet, sondern aus verbliebenen Resten der feudalen Klassengesellschaft oder deren fortlebender Tradition. Aber in allen Industriestaaten waren die Industrie-und Finanzkapitalisten die treibenden Kräfte in der Kolonialbewegung. Galbraiths These ist ebenso unhaltbar wie die Theorie vom "deutschen Sonderweg". Gemeinsam ist solchen Theorien, daß sie den Kapitalismus von der Verantwortung für Militarismus und Krieg freisprechen und so die Illusion in die Möglichkeit eines friedfertigen Kapitalismus geben. Wir dürfen dagegen nicht vergessen, daß Krieg und Frieden sich zwar einander ablösen, aber doch nur verschiedene Momente einer Entwicklung sind, nämlich des Strebens gigantischer Unternehmen auf der Suche nach Gegenmaßnahmen zum Fall der Profitrate, der letztlich aber unausweichlich ist. Solche Theorien erklären nicht, warum die Kolonialbewegung ausgerechnet zwischen 1880 und 1900 einen so mächtigen Auftrieb erhielt. In Deutschland fällt die Wende zur Weltpolitik in den achtziger und neunziger Jahren zusammen mit dem Ausbau der Kriegsflotte zur zweitstärksten Armada nach der britischen. Flottenbegeisterung, Aufrüstung und Militarisierung sind in Deutschland nicht auf dem Boden einer alten, preußischen Militärtradition gewachsen, sondern sind nur der politische Ausdruck der internationalen Expansion der nationalen Monopole. Auch in Deutschland, wo der Kaiser und der Adel noch größere politische Privilegien hatten als die Aristokratien in den Staaten Westeuropas und den USA, gehörten gerade die bürgerlichen Parteien wie die Nationalliberale Partei und deren Vordenker (Max Weber, Gustav Stresemann, Friedrich Naumann) zu den glühendsten Vertretern imperialistischer Machtpolitik. Sie formulierten das Programm, der Kaiser popularisierte es bloß. So schrieb 1896 der Soziologieprofessor Max Weber, es läge im nationalen Interesse Deutschlands, "den eigenen Unternehmen und dem eigenen Kapital den Weg zu ertragreichem Verdienst in anderen, insbesondere unterentwickelten Ländern mit politischen und militärischen Mitteln zu öffnen"4 . Der Liberale Friedrich Naumann bekannte 1905: "Der Militarismus ist die Grundlage aller staatlichen Ordnung und bürgerlichen Wohlfahrt."5 , und der Reichskanzler Bernhard von Bülow erklärte 1896 in einer programmatischen Rede die Notwendigkeit deutscher Weltpolitik mit folgenden Sätzen: "Wir betrachten es als eine unserer vornehmsten Aufgaben, gerade in Ostasien die Interessen unserer Schiffahrt, unseres Handels und unser Industrie zu fördern und zu pflegen ... Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne."6 Der Imperialismus hatte zwar die Tendenz zu immer schärferen Wirtschaftskrisen aufgehalten, aber nur für einen begrenzten Zeitraum und um den Preis eines Weltkrieges mit all seiner Zerstörung gesellschaftlichen Reichtums und Vernichtung menschlichen Lebens. Und in der Folge des Krieges traten die Wirtschaftskrisen mit noch zerstörerischerer Wirkung auf als je zuvor in der Geschichte des Kapitalismus.
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